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About the artist

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German Publication

 

Bruno Obermann
von hier nach nirgendwo
 
 
Ausstellung in der Galerie der Sparkasse Olpe
vom 26. November bis 14. Dezember 2007
 
 
Einführung in die Ausstellung
von Andrea Arens, Kunshistorikerin M.A., Olpe
 
„Ich möchte keine Geschichten mit meinen Bildern erzählen. Vielmehr möchte ich eine atmosphärische Stimmung mit meiner Kunst schaffen, die es erst ermöglicht Geschichten entstehen zu lassen. Geschichten in meinem Kopf und im Kopf des Betrachters. Dann sind diese Geschichten ganz individuell und scheinbar unendlich.“
 
So beschreibt Bruno Obermann die Intention seiner Malerei in der er eine eigene Formen- und Zeichensprache entwickelt hat, die ihren Ausdruck vorwiegend in großformatigen Mischtechniken findet. Den Weg hierhin hat er sich in drei Jahrzehnten als Autodidakt erarbeitet.
 
1956 in Netphen geboren, lebt der Künstler hier noch heute. Schon als Kind beschäftigte er sich mit Malerei. Ein ernsthaftes Interesse daran entwickelte sich jedoch erst nach einem Urlaubsaufenthalt an der ─łote d’Azur im Sommer 1977. Hier beeindruckten die farbenfrohen, impressionistisch geprägten Gemälde französischer Künstler, die in Galerien und auf belebten Plätzen ausgestellt und verkauft wurden. Zurück zu Hause erwarb Bruno Obermann Ölfarben, Leinwände und Papier und begann seine malerische Arbeit, die er seither nie länger als vier Wochen unterbrochen hat.
 
Zunächst war es der impressionistische Malstil, der in Frankreich die Initialzündung gegeben hatte und die Technik und Themen der Malerei Obermanns bestimmte. Aber die Technik musste erst erlernt werden und so verbrachte der junge Künstler neben der praktischen Malerei auch viele Stunden in Museen, auf Sonderausstellungen und mit der Lektüre von Büchern und Zeitschriften zum Thema. Die großen Maler der französischen Kunstgeschichte wie Paul Cézanne, Claude Monet oder Vincent van Gogh wurden besonders intensiv studiert.
Landschaften, Stilleben und Personen sind die Themen der frühen Arbeiten Obermanns, die mit Entwürfen und Skizzen vorbereitet wurden.
Die Teilnahme als Gasthörer an einem Kurs der Universität Siegen im Fachbereich Kunst brach Bruno Obermann ab, da ihm dieser zu theoretisch und der Umgang mit den Farben zu zaghaft und konstruiert erschien – die Spontanität und Kreativität durch akademisches Kalkül unterdrückt wurde.
Weitere Kurse, ob an der Universität oder der Volkshochschule, besuchte Obermann nicht mehr. Er verließ sich auf eigene Beobachtungen, Erfahrungen und sein Gespür für Farben.
 
Diese frühe Phase, in welcher der Umgang mit der Ölfarbe erprobt und die Technik des impressionistischen Malstils erarbeitet wurde, dauerte ungefähr drei bis fünf Jahre. Vom französischen Impressionismus wechselte Obermann – der Kunstgeschichte folgend – zum expressionistischen Malstil. Es waren die Bilder der deutschen Expressionisten, besonders der Dresdener Brücke-Künstler wie Ernst-Ludwig Kirchner und Erich Heckel, aber auch die vom Symbolismus geprägten Arbeiten des Norwegers Edvard Munch, die in ihrer Farbigkeit und emotionalen Ausdrucksform vorbildhaft wurden.
 
In seiner Malerei konzentrierte sich Bruno Obermann jetzt auf Porträts und Landschaftsbilder.
Bis in die Mitte der 80er Jahre begleiten eine Vermischung unterschiedlicher Stilelemente der Klassischen Moderne seine Malerei, die ein Experimentieren und Suchen nach eigenen Wegen verraten.
 
1984 stellt Bruno Obermann erstmals im „Grünen Kakadu“ in Siegen aus. Er hatte jetzt seine eigene Handschrift gefunden, die von einem hohen Abstraktionsgrat bestimmt ist, aber stets Bezüge zur Realität behält.
Der nach dem zweiten Weltkrieg in Europa und den USA entwickelte Stil der Informellen Malerei bestimmt nun das Schaffen Obermanns.
Oft angeregt durch die moderne Literatur, aber auch durch Blues und Rockmusik schafft Obermann Bilder, die auf meist lyrische Weise Gefühl, Emotion und Spontanität zum Ausdruck bringen - Eigenschaften, die in der Kunst des Informell wichtiger sind als Perfektion, Vernunft und Reglementierung.
Dunkle Töne überwiegen zunächst. Der Farbkanon spiegelt aber keineswegs die Stimmungen und Gefühle des Künstlers, da Obermann hier bewusst differenziert. Neben dem Kolorit ist es die meist mit groben Pinselstrichen reliefartig aufgetragene Farbe, die das Bild prägt. Collagen mit Papier, Holz, Watte und Fundstücken entstehen.
 
Mit der Ausbildung eines eigenen Malstils sucht Obermann die lockere Zusammenarbeit und den Austausch mit Künstlerkollegen. Zusammen mit vier Malerfreunden gründet er 1985 in Netphen die Gruppe DIREKTKUNST und organisiert in einem zum Ausstellungsraum umfunktionierten kleinen Schuhgeschäft Sonderausstellungen. Hier wurden drei bis vier Mal jährlich eigene Arbeiten präsentiert, aber auch die von Künstlern aus München, Offenbach oder Berlin, zu denen auf vielfältigen Wegen Kontakte entstanden waren.
Rund sieben Jahre bestand die Galerie in Netphen, die den Künstlern wichtige Impulse über die Region hinaus brachte. Jedoch reduzierte der hohe Organisationsaufwand der Ausstellungsvorbereitung die eigene Produktivität und so beschloss Obermann sich wieder als Individualist auf seine Malerei zu konzentrieren.
Erst die Aufnahme als Mitglied der seit über 80 Jahren bestehenden Arbeitsgemeinschaft Siegerländer Künstler im vergangenen Jahr bewegte Bruno Obermann sich wieder einer Künstlergruppe anzuschließen.
 
In den 90er Jahren kommt die Farbe zurück in die Bilder des Netphener Künstlers. Kräftige Primärfarben sind jetzt bestimmend: Gelb, Grün und Rot, scheinen bevorzugt. Auch inhaltlich haben die Arbeiten ein Leitthema: Der Künstler bezeichnet die Werke als „Inselbilder“. Dabei ist keine tatsächliche Insel gemeint, sondern die Insel im Kopf des Menschen, der einen Schutz um sich baut, um zu sich selber zu kommen. Motive werden auf den Punkt reduziert: ein Haus, ein Zaun, eine Kaffeetasse, ein Boot. Gegenstände die als Symbole für Zurückgezogenheit und Ruhe stehen. Das Boot bietet dabei die Möglichkeit sich in einen geschlossenen Raum zurückzuziehen und gleichzeitig weiterzukommen. Meist werden die Gegenstände auf ein Fragment reduziert, sind geometrische Kürzel, die Auskunft über das Dargestellte geben, und sind somit gleichzeitig gestalterisches Mittel.
Hierzu gehören auch Wörter und Texte. Sie geben Hinweise auf Inhalte, sind aber oft auch verschlüsselt, fragmentarisch und rätselhaft.
 
Die Bildsprache lässt die Arbeiten Obermanns nicht auf einen Blick erfassen. Es sollen keine gefälligen Bilder sein ohne Reibungspunkte. Eine lange Auseinandersetzung mit ihnen ist so möglich. Zeichen, die nicht auf anhieb erkannt und verstanden werden, lassen Raum für ihre spätere Entdeckung.
 
Zu den gestalterischen Elementen, welche die Bilder Obermanns charakterisieren, gehört seit Jahren das Kreissymbol. In leuchtender, oft metallischer Farbe, steht es, als Sonne oder Mond interpretiert, in Landschaften im Sinne von Lebensraumbildern. Entstanden aus einer Collage in welcher der Künstler die Silberfolie einer Farbdose auf ein Bild montierte, entwickelte sich der Kreis zu einem Element, das für Obermanns Schaffen heute signifikant ist. Der Kreis gibt dem Bild in seiner Farb- und Formgebung ein Gleichgewicht, setzt Akzente und eröffnet eine weitere Dimension.
 
Bruno Obermann ist leidenschaftlicher Maler, jedoch reizt ihn auch das plastische Gestalten mit scheinbar wertlosen Gegenständen, die er von seinen Reisen als Fundgut mitbringt oder die ihm im Alltag begegnen. Diese kurzen „Ausflüge“ geben ihm Abstand von malerischen Prozessen und die Möglichkeit einen neuen Blickwinkel auf seine Arbeiten zu gewinnen.
Die Bildideen des Universalkünstlers Pablo Picassos, die in besonderem Maße Eingang in das Schaffen Bruno Obermanns gefunden haben, spielen dabei sicher eine wichtige Rolle. Neben dem malerischen Werk, besonders der Spätphase des spanischen Ausnahmekünstlers, ist es die Objektkunst und der Umgang mit plastischen Prozessen, die das Oeuvre Obermanns beeinflussen. Die unorthodoxe Auseinandersetzung mit den Arbeitsmaterialien und die eigenständige Umsetzung, welche die plastischen Objekten bestimmen, finden auch Eingang in die Malerei die Künstlers.
 
Die plastischen Arbeiten haben jedoch nur einen kleinen Anteil im Schaffen Obermanns. Er möchte seine Gedanken über die Malerei mitteilen, die sich mit Menschen, Schicksalen, Lebensläufen und Lebensweisen beschäftigen. So ist seine Objektkunst nur einmal im Jahr, in privater Atmosphäre, am Tag des offenen Ateliers in dem Garten des Künstlers zu sehen. Das umfangreiche malerische Werk hingegen wurde bereits in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen einem internationalen Publikum zugänglich gemacht. Weit über die Grenzen des Sieger- und Sauerlandes hinaus waren die Bilder Obermanns schon in ganz Deutschland ausgestellt. Sie wurden in Galerien und Kunsthäusern von Hamburg bis Stuttgart und von Essen bis Fulda gezeigt – zuletzt erhielt Obermann im vergangenen Monat eine Einladung zu einer Präsentation im „Club Arte“ in Mannheim. Aber auch im europäischen Ausland wie in Palma de Mallorca in Spanien, Amsterdam in Holland oder Legault und vor wenigen Wochen in Grand-Fougeray in Frankreich wurden die Gemälde Bruno Obermanns der Öffentlichkeit präsentiert.
 
Die Ölfarbe war bisher das grundlegende, für Obermanns Malerei genutzte Arbeitsmaterial. Qualität und Eigenschaften erfüllten die Ansprüche, die der Künstler in seiner Bildsprache einsetzen wollte:
Nicht auf der Staffelei, sondern liegend auf dem Tisch gemalt, trägt der Maler die Ölfarbe direkt reliefartig auf und moduliert sie mit Pinsel oder Spachtel– eine Technik, die besonders, in den Schwarz-Weiß-Bildern der 80er Jahren zum Tragen kam.
Mit Terpentinöl gemischt, ist Ölfarbe auch bis zu einem aquarellgleichen Zustand zu verflüssigen. Die Bilder aus der Rheihe „am roten Fluss“ und „Imaginäre Reise“ sind für diese Technik bemerkenswerte Beispiele. Hier leben die Werke nur aus der Farbe, ohne jedes konstruktive Gerüst oder Symbolik. Die Eigenwertigkeit der Farbmaterie und deren psychische Wirkung kommt in diesen Bildern stark zum Ausdruck.
 
Ölfarbe trocknet langsam; lässt dem Maler Zeit den Arbeitsschritt auf sich wirken zu lassen und zu reagieren, den Farbauftrag weiter auf dem Bildträger zu modulieren indem die Ölfarbe vermischt, reduziert oder im sehr flüssigen Zustand in der Verlauftechnik kontrolliert sich selbst überlassen wird. Die Bilder „die Welt“ oder „Verhangen“ sowie die nach einer Chinareise entstandenen Arbeiten „City don’t cry“ oder „Silent China“ sind von dieser Technik geprägt. Sie erinnern an Arbeiten des 1994 verstorbenen Amerikaners Sam Francis, der in seiner Malerei „Farbe als Licht auf Feuer“ zum Ausdruck bringt und mit seiner Technik, Farben in unterschiedlich starken Rinnsalen auf dem Malgrund ineinander fließen zu lassen, bekannt wurde.
Es sind aber immer nur einzelne Bildideen bekannter Künstler, die in den Arbeiten Obermanns wiederzufinden sind, da er stets bestrebt ist Anregungen selbständig umzusetzen und seine eigene Handschrift einzubringen. So verbindet beispielsweise die Arbeit „Aufbau und Zerstörung“ die Verlaufstechnik mit den flächig aufgetragenen, stark verdünnten Farben und der Künstler bringt in seiner Komposition das zum Ausdruck, was der Titel impliziert.
 
Ölfarbe hat einen lebendigen Charakter. Je nach Trocknungsverlauf kann sie unterschiedliche Qualitäten hervorbringen. Mal glänzend schimmernd oder matt; als Lasur aufgetragen, lässt sie tiefere Schichten auf differenzierte Weise durchscheinen. Je nach Lichteinfall und Blickwinkel verändert sich das Gemälde in einer Weise, die es vermag Wettererscheinungen zu spiegeln und damit unterschiedliche Stimmungen hervorzubringen.
 
Das scheinbar perfekte Malmaterial fordert jedoch seinen Tribut an den Künstler. Es setzt, besonders, wenn es mit Verdünnung verarbeitet wird, giftige Dämpfe frei.
Aus diesem Grund entschloss sich Bruno Obermann vor wenigen Monaten die Ölfarbe gegen Acrylfarbe auszutauschen. Diese ist wasserlöslich und nicht gesundheitsschädlich. Jedoch trocknet die Farbe schnell auf dem Bildträger und es entsteht eine einheitlich matte Oberfläche. Da es das Ziel des Künstlers war, die Handschrift seiner Malerei beizubehalten, experimentierte er zunächst mit verschiedenen Qualitäten der Acrylfarbe und auch die Arbeitsweise musste sich den neuen Eigenschaften anpassen.
 
Das in hochwertigem Acryl gemalte Bild „Mein Garten ist klein“ steht für eine Wende im künstlerischen Schaffen von Bruno Obermann. Das Gemälde vereint die für seine Malerei charakteristischen Elemente. Fünfzehn bis zwanzig aufeinander folgende Malschichten erzeugen eine spannungsreiche Oberfläche. Die Schichten füllen z. T. den ganzen Bildträger, z. T. sind sie nur punktuell aufgetragen. Sie sind mal lasierend dünn, mal kräftig mit dickem Pinselstrich gemalt. Überschneiden sich, vermischen sich und werden durch die Überschichtung ihre Farberscheinung verändert. Der akzentuierte Einsatz von Ölkreide verleiht dem Bild Lebendigkeit und Bewegung. Der Rand der Leinwand ist zart, mit hellen, dünn aufgetragenen Farben gestaltet, was ihnen eine rahmenähnliche Funktion gibt, aber gleichzeitig eine über das Bild führende Weiterentwicklung impliziert. Als letzten Schnitt fügt Obermann Symbole und Schrift ein. Zeichen, die für das Vertraute und Geborgenheit stehen, aber auch den Wunsch nach Aufbruch und Neuentdeckung wecken. Im Zentrum steht der festumgrenzte Garten als warme rote Fläche, zeichenhaft sind darin ein Haus und ein Boot erkennbar. Unklare Strukturen umgeben den Garten, die symbolhaft für die weite noch zu entdeckende Welt, bzw. Umwelt stehen. Das darüber in Verlaufstechnik gestaltete Farbenspiel ist vielleicht als Stadtsilhouette zu interpretieren. Kreisformen in Gelb und Schwarz können als Menschengruppe gedeutet werden; eine unheimliche, blaue Wellenstruktur stehen im Kontrast zu der fest umschlossenen Gartenfläche. Die dominierenden, leuchtenden Farben in Gelb und Rot vermittelten aber eine positive und erwartungsvolle Spannung.
 
Bruno Obermann fühlt sich aber noch nicht am Ziel angekommen - seine künstlerische Reise geht weiter. Neue Farbakzente werden aufgegriffen, wie das leuchtende Indigorot in der von Pastellfarben bestimmten Serie „learning to fly“. Hier geben jetzt auch große weiße Farbflächen den Bildern einen neuen kompositorischen Akzent, machen ihre Erscheinung transparent und leicht.
Aber es wird auch auf Gestaltungsmöglichkeiten zurückgegriffen, die in früheren Phasen erarbeitete wurden, wie die Collage und die Einbringung von zeichnerischen Elementen für welche die Arbeiten „Tribüne“ oder „Glashaus“ beispielhaft sind.
 
So erschließt sich der Ausstellungstitel „von hier nach nirgendwo“. Es ist ein Punkt auf dem Lebensweg des Künstlers, der sich an einem Neubeginn sieht.
Die Allgemeingültigkeit der Bildzeichen lässt es jedoch zu, dass sich auch der Betrachter hier wiederfinden kann, da die umgesetzten Bildideen stellvertretend für den Lebensweg des Menschen überhaupt gesehen werden können, der immer wieder an einem Neubeginn steht.
 
Die Beschäftigung mit der Malerei von Bruno Obermann vermittelt ein positives Gefühl, gibt Motivation mit gespannter Erwartung von hier nach nirgendwo zu gehen - so erging es zumindest mir, als ich das erste Mal das Atelier des Künstlers besuchte - und das wünsche ich auch Ihnen bei der heutigen Vernissage.
 
Andrea Arens, Kunsthistorikerin M.A.